Die Berliner Mauer: Geschichte der Narbe, die die Welt teilte
Von der Nacht der Teilung bis zur Nacht der Wiedervereinigung. Geschichte der Berliner Mauer und ihre Spuren heute.

Berlin ist die einzige große europäische Hauptstadt, die das 20. Jahrhundert physisch geteilt erlebte. Nicht metaphorisch, nicht politisch — buchstäblich. Achtundzwanzig Jahre lang teilte eine 155 Kilometer lange Betonmauer Straßen, zerschnitt U-Bahn-Linien, trennte Familien und machte eine Stadt zum schärfsten Symbol des Kalten Krieges. Heute, mehr als drei Jahrzehnte nach ihrem Fall, liegen Fragmente über die Stadt verstreut wie Narben, die sich weigern zu verblassen. Die Mauer zu verstehen ist nicht bloß eine Geschichtsübung: Es ist der einzige Weg, Berlin wirklich zu begreifen.
13. August 1961: die Nacht, in der Berlin geteilt erwachte
Die Operation begann kurz nach Mitternacht in der Nacht vom Samstag, dem 12., auf den Sonntag, den 13. August 1961. Während die Berliner schliefen, rollten Soldaten der Deutschen Demokratischen Republik kilometerlange Stacheldrahtrollen entlang der Linie aus, die den sowjetischen vom westlichen Sektor trennte. Im Morgengrauen war die Stadt durchschnitten. Ohne Vorwarnung. Familien, die eine Straße voneinander entfernt lebten, stellten beim Aufwachen fest, dass sie nicht mehr hinübergelangen konnten. In der Bernauer Straße, wo die Grenze direkt an den Hausfassaden verlief, sprangen Menschen aus ihren Wohnungsfenstern in den westlichen Sektor — einige wurden im Flug von West-Berliner Feuerwehrleuten aufgefangen, andere hatten weniger Glück. In den folgenden Tagen wurde aus dem Draht Betonblöcke, und aus den Blöcken eine 3,6 Meter hohe Mauer, die sich 43,1 Kilometer durch das Stadtzentrum zog. Die offizielle Begründung der DDR-Regierung: ein „antifaschistischer Schutzwall“. Die Wirklichkeit war einfacher: Seit 1949 waren fast drei Millionen Menschen in den Westen geflohen, und die Abwanderung drohte das Land leerzuräumen.

Leben mit der Mauer: der Todesstreifen und die Fluchtversuche
Die Mauer war keine Mauer: Sie war ein System. Zwischen der Ostseite und der Westseite erstreckte sich der sogenannte Todesstreifen, eine 30 bis 150 Meter breite Zone mit Stacheldraht, Hunden, Wachtürmen, Scheinwerfern und Soldaten mit Schießbefehl. Trotzdem versuchten Menschen es. Mehr als siebzig Tunnel wurden unter der Grenze gegraben. Es gab Fluchten in selbstgebauten Heißluftballons, in Kofferräumen mit Geheimfächern, in Koffern, schwimmend durch Kanäle und sogar gleitend an einer improvisierten Seilrutsche von einem Hausdach. Etwa 140 Menschen starben beim Versuch — die genaue Zahl ist nach wie vor Gegenstand der Forschung, aber die Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße dokumentiert jeden bekannten Fall. Die Zahl umfasst Erschossene, Ertrunkene im Spreekanal und Menschen, die beim Sprung aus Gebäuden starben. Das jüngste Opfer war ein Jahr alt: ein Baby, das bei einem gescheiterten Fluchtversuch an Unterkühlung starb. Unterdessen passte sich der Alltag dem Absurden an. U-Bahn-Linien, die in den Osten führten, fuhren weiter, aber die Stationen auf östlichem Gebiet wurden versiegelt und zu Geisterbahnhöfen, an denen die Züge durchfuhren, ohne zu halten. Getrennte Familien winkten einander mit Ferngläsern von den Dächern zu.
9. November 1989: die Nacht, in der die Mauer fiel
Der Fall der Mauer war paradoxerweise ein Versehen. Am 9. November 1989 gab Günter Schabowski, Sprecher der DDR-Regierung, eine Pressekonferenz, auf der er neue Reisebestimmungen ankündigte, die es DDR-Bürgern ermöglichen sollten, Genehmigungen für die Ausreise in den Westen zu beantragen. Als ein Journalist fragte, ab wann die Regelung gelte, blätterte Schabowski mit verwirrter Miene durch seine Unterlagen und antwortete: „Sofort, unverzüglich.“ Das stimmte nicht — die Regelungen enthielten Einschränkungen und sollten erst am nächsten Tag in Kraft treten —, doch die Nachricht wurde live im westlichen Fernsehen übertragen. Innerhalb weniger Stunden drängten sich Tausende Ost-Berliner vor den Grenzübergängen. Die Wachposten, ohne klare Anweisungen und von der Menge überfordert, öffneten die Schranken kurz vor Mitternacht. Was folgte, war eine der außergewöhnlichsten Nächte des 20. Jahrhunderts: Fremde, die sich auf der Mauer umarmten, Champagner, Tränen, Familien, die sich nach Jahrzehnten wiederfanden, Menschen mit Hämmern und Meißeln, die Betonstücke als Andenken herausbrachen. Kennedys Rede — „Ich bin ein Berliner“, gehalten am 26. Juni 1963 an der Mauer — und Reagans Forderung — „Mr. Gorbachev, tear down this wall!“, vorgetragen am 12. Juni 1987 vor dem Brandenburger Tor — hatten diesen Moment vorweggenommen. Aber niemand hatte sich vorgestellt, dass er so kommen würde: ohne einen einzigen Schuss, ausgelöst durch einen Versprecher auf einer Pressekonferenz.

Wo man die Mauer heute sehen kann
Die Mauer wurde mit derselben Dringlichkeit abgerissen, mit der sie errichtet worden war, doch es sind genug Abschnitte geblieben, um zu begreifen, was sie bedeutete. Der eindringlichste Ort ist die Gedenkstätte Berliner Mauer in der Bernauer Straße, wo ein Originalabschnitt mit dem intakten Todesstreifen erhalten ist: beide Mauern, das Niemandsland, die Wachtürme. Eine Kapelle erinnert an die Versöhnungskirche, die die DDR-Regierung 1985 sprengen ließ, weil sie im Todesstreifen stand. Die East Side Gallery ist der längste erhaltene Abschnitt: 1,3 Kilometer Mauer entlang der Spree, 1990 von 118 Künstlern aus 21 Ländern bemalt. Sie ist die größte Freiluftgalerie der Welt, und unter ihren berühmtesten Bildern ist der Bruderkuss zwischen Breschnew und Honecker von Dmitri Wrubel. Und dann ist da der Checkpoint Charlie, der berühmteste Grenzübergang zwischen Ost und West, heute eine der touristischsten Kreuzungen Berlins. Das Original-Kontrollhäuschen steht im AlliiertenMuseum, aber die Nachbildung in der Friedrichstraße — mit den Porträts des sowjetischen und des amerikanischen Soldaten, die einander anblicken — bleibt ein eindrucksvolles Bild.
Berlin heute: die wiedervereinte Stadt
Mehr als fünfunddreißig Jahre nach dem Fall verarbeitet Berlin sein Erbe noch immer. Die Unterschiede zwischen Ost und West sind nicht völlig verschwunden — die Berliner haben einen Ausdruck dafür, Mauer im Kopf, für die unsichtbaren Barrieren, die fortbestehen —, doch die Stadt hat ihr Trauma in Identität verwandelt. Wo einst Niemandsland war, sind heute Parks. Wo Wachtürme standen, stehen Cafés. Der Reichstag, dessen von Norman Foster entworfene Glaskuppel den Bürgern erlaubt, buchstäblich über die Köpfe ihrer Abgeordneten hinwegzuschauen, ist vielleicht das beste Symbol dieser Verwandlung: ein imperiales Gebäude, durch Feuer zerstört, durch die Mauer geteilt und als Sitz der wiedervereinigten Demokratie neugebaut. Berlin versteckt seine Narben nicht. Es stellt sie aus. Und genau deshalb ist es eine der faszinierendsten Städte Europas.

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