Bordeaux, Weinhauptstadt der Welt: Geschichte, Terroir und Kultur
Vom Miroir d'Eau bis zu den Weinbergen von Saint-Émilion. Alles über die Weinkultur in Bordeaux.

Manche Städte definieren sich über ein Bauwerk, andere über einen Fluss, einige über ihre Küche. Bordeaux definiert sich über den Wein. Nicht als Metapher: Die Geschichte dieser Stadt steht buchstäblich auf ihren Flaschenetiketten geschrieben. Seit die Römer im ersten Jahrhundert die ersten Reben pflanzten, sind das Schicksal von Bordeaux und das seiner Weinberge untrennbar verbunden. Heute, mit mehr als 111.000 Hektar Rebfläche und rund sechzig Appellationen, produziert die Region etwa 700 Millionen Flaschen pro Jahr. Doch Bordeaux ist nicht nur Quantität: Es ist der Ort, an dem Wein zu Kunst, Wissenschaft und — für manche — zur Religion wurde.
Die Klassifikation von 1855: der Tag, an dem die Weinwelt geordnet wurde
Alles begann mit einer Messe. 1855 bat Kaiser Napoleon III. um eine Klassifizierung der besten Weine von Bordeaux für die Pariser Weltausstellung. Die Weinmakler der Region erstellten ein Ranking nach Preis und Ruf jedes Châteaus — ohne Besuche, ohne Verkostungen, ohne Probenanforderung. Das Ergebnis war eine fünfstufige Hierarchie von Crus mit 61 Châteaux. An der Spitze vier Premiers Grands Crus Classés: Lafite Rothschild, Latour, Margaux und Haut-Brion — Letzteres als einziges nicht aus dem Médoc, sondern aus den Graves. Das Erstaunliche: Diese Klassifikation gilt mehr als 170 Jahre später praktisch unverändert. Es gab nur zwei Änderungen: die Aufnahme von Cantemerle als fünfter Cru 1856 und — die berühmteste — die Beförderung von Château Mouton Rothschild vom zweiten zum ersten Cru 1973, nach jahrzehntelangem beharrlichem Engagement von Philippe de Rothschild.

Linkes Ufer, rechtes Ufer: zwei Welten in einer Flasche
Die Garonne und die Dordogne teilen das Weingebiet Bordeaux in zwei Universen mit entgegengesetzten Persönlichkeiten. Am linken Ufer — wo sich Médoc, Graves, Pessac-Léognan und Sauternes befinden — dominieren Kiesböden, die gut entwässern und die Rebe zwingen, tief nach Wasser zu suchen. Hier herrscht der Cabernet Sauvignon, der typischerweise 60 bis 85 % der Cuvée ausmacht und tannin-reiche, strukturierte Weine mit Aromen von schwarzer Johannisbeere und Zeder hervorbringt, die Jahre der Reifung brauchen, um ihren wahren Charakter zu zeigen. Am rechten Ufer — Saint-Émilion, Pomerol, Fronsac — halten Ton- und Kalksteinböden mehr Feuchtigkeit, und der Merlot regiert mit bis zu 90 % in der Assemblage. Das Ergebnis: rundere, seidigere Weine mit Noten von Pflaume und Trüffel, die in der Regel früher zugänglich sind. Das ist natürlich eine Vereinfachung — es gibt glänzende Ausnahmen auf beiden Seiten —, aber diese grundlegende Teilung zu verstehen ist der Schlüssel, um Bordeaux zu entschlüsseln.
Saint-Émilion: Wein und tausendjähriger Stein

Vierzig Autominuten von Bordeaux entfernt beweist Saint-Émilion, dass ein Ort mit weniger als zweitausend Einwohnern mehr Geschichte bergen kann als eine Hauptstadt. 1999 wurde die Jurisdiktion von Saint-Émilion als erster Weinberg der Welt in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen — eine Anerkennung nicht nur des Weins, sondern einer über zweitausend Jahre gewachsenen Kulturlandschaft. Kopfsteingepflasterte Gassen winden sich zwischen goldenen Kalksteinhäusern, in den Fels gehauenen unterirdischen Kellern und einer monolithischen Kirche, die zwischen dem 8. und 12. Jahrhundert direkt aus einer Klippe gemeißelt wurde. Hier entstehen einige der begehrtesten Weine der Welt — Château Ausone, Château Cheval Blanc, Château Angélus —, aber es gibt auch Familienbetriebe, wo man einen hervorragenden Grand Cru zu einem vernünftigen Preis probieren kann, wenn man weiß, wo man suchen muss.
La Cité du Vin: das Museum, das wie ein Weinglas aussieht
Am 1. Juni 2016 eröffnet, ist La Cité du Vin das ambitionierteste Museum, das je dem Wein gewidmet wurde. Entworfen von den Architekten Anouk Legendre und Nicolas Desmazières des Pariser Studios XTU, ist das Gebäude unverwechselbar: eine geschwungene Struktur aus Aluminium und Glas, die an den Strudel des Weins im Glas erinnert — oder an den knorrigen Knoten eines Rebstocks, je nach Interpretation. Die Dauerausstellung erstreckt sich über 3.000 m² und zeichnet die Geschichte des Weins quer durch alle Zivilisationen nach, von der antiken Georgien bis zum kalifornischen Napa Valley, mit interaktiven Installationen, immersiven Projektionen und Duftstationen zum Erlernen der Aromenerkennung. Der Besuch endet auf der Aussichtsplattform im achten Stock, wo ein Glas Wein im Eintrittspreis inbegriffen ist — mit Blick über die Weinberge und die Garonne. Dies ist kein Museum über Bordeaux: Es ist ein Museum darüber, warum die Menschheit seit sechstausend Jahren vom vergorenen Traubensaft fasziniert ist.
Das En-primeur-System: die Zukunft kaufen
Bordeaux erfand etwas, das die Börse Jahrhunderte später kopieren sollte: den Weinhandel auf Termin. Das En-primeur-System, das seit dem 18. Jahrhundert existiert, sich aber erst in den 1980er Jahren für Privatkäufer öffnete, funktioniert so: Jeden Frühling reisen Kritiker und Käufer nach Bordeaux, um Fassproben zu verkosten — Weine, die noch nicht abgefüllt sind und frühestens 18 Monate später geliefert werden. Auf Basis dieser Verkostungen setzen die Châteaux einen Erstverkaufspreis fest, und die Käufer platzieren ihre Wetten. Es ist ein Spiel aus Vertrauen, Information und Spürsinn: Erweist sich der Jahrgang als außergewöhnlich, hat man einen Schatz zum Erstausgabepreis gesichert. Wenn nicht, hat man möglicherweise im Voraus für einen Wein bezahlt, den man zwei Jahre später günstiger finden könnte.
Châteaux besuchen: ein praktischer Leitfaden
Nicht jedes Bordeaux-Château erfordert eine Reservierung oder kostet ein Vermögen. In Pauillac bietet Château Lynch-Bages Führungen mit Verkostung ab fünfzehn Euro; in Margaux ist Château Prieuré-Lichine eines der wenigen Grand Cru Classé, die Besucher ohne Termin empfangen. Saint-Julien und Listrac haben Familienweingüter, wo der Winzer persönlich einschenkt. Die beste Strategie: ein Fahrrad in Pauillac mieten und die Médoc-Weinberge im eigenen Tempo erkunden — flaches Gelände, kurze Distanzen, hypnotische Landschaft.
Arcachon und Austern: der perfekte Tagesausflug
Weniger als eine Stunde von Bordeaux entfernt ist die Bucht von Arcachon das Wochenendziel der Bordelesen. Am Cap Ferret servieren die Austernhütten Austern direkt aus dem Wasser mit einem Glas weißem Pessac-Léognan: die perfekteste Kombination überhaupt. Die Düne von Pilat, Europas höchste mit 110 Metern, bietet atemberaubende Ausblicke auf den Atlantik und den Kiefernwald. Das verdient einen ganzen Tag: Austern am Morgen, Düne mittags, Strand am Nachmittag.
Bordeaux jenseits des Weins: UNESCO-Architektur und kulinarische Paarungen

2007 nahm die UNESCO das historische Zentrum von Bordeaux — bekannt als „Port de la Lune“ — als Welterbe auf und würdigte 1.810 Hektar herausragendes städtisches Ensemble mit mehr denkmalgeschützten Gebäuden als jede andere französische Stadt außer Paris. Die Place de la Bourse, ein Juwel des 18. Jahrhunderts, das Ludwig XV. in Auftrag gab, spiegelt sich heute im Miroir d’Eau, dem größten Wasserspiegel der Welt (3.450 m²), der 2006 vom Landschaftsarchitekten Michel Corajoud eingeweiht wurde. Die Kathedrale Saint-André, 1096 von Papst Urban II. geweiht, war Schauplatz der Hochzeit Eleonores von Aquitanien mit dem späteren Ludwig VII. im Jahr 1137 und ist Station auf dem Jakobsweg. Und die Porte Cailhau, erbaut zwischen 1493 und 1496 zur Feier des Sieges Karls VIII. bei Fornovo, ist das eleganteste mittelalterliche Stadttor — 35 Meter hoch, am Übergang von Gotik zu Renaissance.
Zur Abrundung bietet die Bordelaiser Gastronomie perfekte Paarungen: Entrecôte à la bordelaise mit einem Médoc, Austern aus Arcachon mit einem weißen Graves, Foie gras mit einem Sauternes und Cannelés — jene kleinen karamellisierten Gebäckstücke mit Vanille und Rum — mit einem Glas Crémant de Bordeaux. Wein ist hier kein Beiwerk: Er ist die Achse, um die sich der gesamte Tisch dreht.
Wenn Bordeaux Ihre Neugier geweckt hat, finden Sie in unserem Bordeaux-Wochenendführer Tagesrouten mit Google Maps, empfohlene Restaurants nach Vierteln, praktische Verkehrsinformationen und die besten Tipps, um die Weinberge auch ohne Auto zu erkunden.
Hat Ihnen dieser Reiseführer gefallen? Erhalten Sie mehr Inhalte wie diesen
Blog Abonnieren✓ Kein Spam ✓ Jederzeit kündbar
Kommentare
Die besten Reisetipps erhalten
Abonnieren Sie den Omyguide-Blog und verpassen Sie keinen Artikel.
Kein Spam. Jederzeit abbestellbar.


